Generation „Hoffnung“

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Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Zukunftschancen unserer Jugend noch unsicherer gemacht. Gerade für die Bundesrepublik wäre es jedoch verfehlt, dies nur auf die Kollateralschäden der Globalisierung zurückzuführen und hausgemachte Fehler in Politik und Wirtschaft auszublenden. Jetzt hat die IG Metall Alarm geschlagen und auf den dramatischen Anstieg von befristeter Beschäftigung, Leiharbeit, 400 Euro Jobs und Hartz IV für junge Menschen auch im konjunkturellen Aufschwung hingewiesen.

Zwischen Wachstumseuphorie und Integrationshysterie werden die Beschäftigungs- und Existenznöte vieler Menschen aus dem Blick von Politik und Öffentlichkeit verdrängt. Die Demographie und das „neue Beschäftigungswunder“ würden es schon richten, lautet das Credo aus der Wirtschaft und der Bundesregierung. Für junge Menschen in Deutschland gebe es keine Ausbildungs- und Beschäftigungsprobleme. Vielmehr sorgten sich die Arbeitgeber um den Fachkräftemangel und den Arbeitskräftenachwuchs. Dies ist allerdings weit von der Realität entfernt, die viele junge Menschen auch in Deutschland tagtäglich erfahren. Fakt ist: Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Zukunftschancen unserer Jugend noch unsicherer gemacht. Gerade für die Bundesrepublik wäre es jedoch verfehlt, dies nur auf die Kollateralschäden der Globalisierung zurückzuführen und hausgemachte Fehler in Politik und Wirtschaft auszublenden. Jetzt hat die IG Metall Alarm geschlagen und auf den dramatischen Anstieg von befristeter Beschäftigung, Leiharbeit, 400 Euro Jobs und Hartz IV für junge Menschen auch im konjunkturellen Aufschwung hingewiesen.

Unsichere Berufsperspektiven für junge Menschen

Am 14. September wurde die neue Shell Jugendstudie 2010 vorgestellt – mit der positiven Nachricht: Jugendliche lassen sich weder durch die Finanz- und Wirtschaftskrisen noch durch unsicher gewordene Berufsperspektiven von ihrer optimistischen Grundhaltung abbringen. Damit scheint die Welt für die Jugend und unsere Zukunft in Ordnung. Politik und Wirtschaft sehen keinen Handlungsbedarf.  Ein Alarmsignal kommt jedoch von der Internationalen  Arbeitsorganisation (IAO): Die Jugendarbeitslosigkeit hat sich auf weltweiter Ebene in den 10 Jahren 1999 bis 2009 um 34 Prozent auf 81 Millionen Jugendliche (zwischen 15 und 24 Jahren) dramatisch erhöht. Gewarnt wird vor einer „verlorenen Generation“, die „alle Hoffnungen auf Arbeit für ein anständiges Leben aufgegeben“ habe. Für die Bundesrepublik stellt die IAO fest: Wenn auch hier die Arbeitslosigkeit in der Krise weniger stark angestiegen ist, haben sich die Arbeitsbedingungen durch die drastische Zunahme prekärer Beschäftigung gerade für junge Menschen erheblich verschlechtert.

Damit schließt sich der Kreis zu der Shell Studie. Denn die gestiegene Zuversicht der befragten jungen Menschen beschränkt sich auf die Ober- und Mittelschicht. Hingegen hat die Zufriedenheit bei der Unteren Mittelschicht und der Unterschicht in den vergangenen vier Jahren nicht nur nicht zu-, sondern abgenommen. Ausschlaggebend hierfür sind die eigene Schulbildung und der Bildungshintergrund der Eltern. Auch bei den jungen Menschen verstärkt sich die soziale Kluft. So stellt auch das Wissenschaftszentrum Berlin fest: Zwar ist die Stabilität der Arbeitsverhältnisse in den letzten 15 Jahren  nicht zurückgegangen. Dies gilt allerdings nur für qualifizierte und festangestellte Arbeitnehmer. Gleichzeitig haben sich die Arbeitsmarktchancen gering Qualifizierter erheblich verschlechtert. Dies ist auch ein gravierendes Problem der ungerechten Verteilung von Arbeits- und Lebenschancen junger Menschen in den neuen Bundesländern mit einer im Durchschnitt erheblich höheren Quote der Schulabbrecher als im Westen.

 Selbstheilungskräfte des Marktes – Schimäre des Neoliberalismus

Es gibt mithin allen Grund, die Warnungen der IAO ernst zu nehmen, die ältere Generation habe die jüngsten Wirtschaftskrisen zu verantworten und die Jüngeren müssen sie ausbaden. Für die Bundesrepublik ist anzufügen: Die ältere Generation hat nicht nur die Finanz- und Wirtschaftskrisen zu verantworten, sondern auch die geradezu dramatische Explosion der prekären Arbeitsverhältnisse. In den vergangenen 10 Jahren schrumpfte die Zahl der jungen Menschen mit einem sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob um 25 Prozent oder 400 000 auf nur noch 1,2 Millionen. Gleichermaßen wuchs der Anteil der 15- bis 25-Jährigen, die befristet oder als Leiharbeiter beschäftigt sind, einen Minijob oder eine Teilzeitstelle von weniger als 20 Wochenstunden haben,  um 42 Prozent. Diese traurige Entwicklung setzt sich auch jetzt in der konjunkturellen Erholung fort. Viele Betriebe melden zusätzlichen Arbeitskräftebedarf – allerdings weit überwiegend für Leiharbeit und befristete Beschäftigung.

Der Glaube an die Selbstheilungskräfte des Marktes gehört in die Mottenkiste des Neoliberalismus. Diese gefährliche Ideologie hat uns nahe an den Abgrund durch die verheerenden Finanz- und Wirtschaftskrisen gebracht. Alle Wachstumseuphorie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ursachen der Krisen noch längst nicht beseitigt sind. Dies darf nicht auf dem Rücken der jungen Menschen auch in unserem Land ausgetragen werden. Eine weitere Deregulierung und Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt verspielt ihre und unsere Zukunft. Erforderlich ist vielmehr eine „Reregulierung“ auch auf dem Arbeitsmarkt durch eine wirksame Bekämpfung der prekären Arbeitsverhältnisse und einen existenzsichernden gesetzlichen Mindestlohn nicht unter 8,50 Euro die Stunde.

Erforderlich ist weiterhin die Abschaffung der „Abgabenprivilegierung“ bei geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen. Derzeit liegen die Sozialversicherungsabgaben bei 30 Prozent und damit erheblich niedriger als für reguläre Arbeit. Für Leiharbeitnehmer müssen gleiche Arbeitsbedingungen gelten wie für Stammarbeitskräfte – insbesondere bei Entlohnung und Arbeitszeiten.

Politikwechsel muss erkämpft werden

Bleibt zu hoffen, dass in der Bundesrepublik endlich ein breites Bündnis der gesellschaftlichen Kräfte zustande kommt, um den erforderlichen Politikwechsel zu erkämpfen. Die sich in den anhaltenden Protesten zu Stuttgart 21 manifestierende Unzufriedenheit vieler Bürger mit der Politik insgesamt könnte den Weg für weitere Protestaktionen weisen. In Frankreich zeigen die Massenproteste  gegen die Heraufsetzung des Rentenalters die Bereitschaft der Bürger, ihre Kritik an der Politik auch auf der Straße geltend zu machen. Die umfassenden Streikaktionen in Griechenland, Spanien und demnächst auch Portugal gegen die unsozialen Kürzungsprogramme ihrer Regierungen gehen in die gleiche Richtung. Wir sind es den jungen Menschen auch in der Bundesrepublik schuldig, ihnen bessere Bildung-, Beschäftigungs- und Lebenschancen zu erkämpfen. Dies gilt insbesondere für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund und somit ein wesentlicher Beitrag zur Integration. Nur dann kann die in der Schell Jugendstudie für die Ober- und obere Mittelschicht festgestellte Zuversicht junger Menschen auf die nachfolgenden Schichten ausstrahlen. Wir hätten zumindest bei den kommenden Generationen die Chance, die Spaltung unserer Gesellschaft wieder einzugrenzen.

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